Die Kath. Pfarrgemeinde St. Johannes der Täufer Lage 7, 49497 Rieste im Spiegel der Jahrhunderte.

Der Ort Rieste zählt nicht zur Kategorie der sogenannten Kirchdörfer. Das uns von vielen anderen Gemeinden her vertraute Bild mit einer Kirche im Mittelpunkt, um den sich ein mehr oder weniger großer und geschlossener Ortskern gruppiert, suchen wir hier vergebens, obwohl nach Alter und Größe der Gemeinde ein ähnliches Ortsbild sich hätte entwickeln können. Stattdessen findet man etwas abseits, zum nordöstlichen Ortsrand hin,  in dem als “Lage” bezeichneten Ortsteil einen größeren Anlagekomplex: das ehemalige Ritterhaus Lage, zu dem bis zu dessen Auflösung 1810 auch die katholische Johanneskirche Lage-Rieste gehörte. Das Ganze ist eine Gründung des Johanniterordens aus dem Jahre 1245 und war lange Zeit hindurch eine der bedeutendsten Ordensniederlassungen Nordwestdeutschlands. Seine auch heute noch überregionale Bekanntheit hat Lage allerdings weitgehend dem wundertätigen Hl. Kreuz (1315 geweiht) zu verdanken, das von zahlreichen Wallfahrern verehrt wird. Seit 1996 bildet unsere Gemeinde mit der Pfarrgemeinde St. Paulus in Vörden eine Pfarreiengemeinschaft und gehört zum Dekanat Osnabrück-Nord. Im Jahre 2014 wurde die Pfarreiengemeinschaft um die Pfarreien Alfhausen und Bersenbrück erweitert und trägt nun den Namen „Pfarreiengemeinschaft Hasegrund“.

Baugeschichte

In den Anfängen bestand nur innerhalb der Ordensburg eine Kapelle. Sie war spätestens 1260 in den oberen Stockwerken eingerichtet gewesen sein. Hier feierten die Kapläne, Ritter und Brüder das Hl. Messopfer und verrichteten das tägliche gemeinsame Chorgebet. Angesichts der großen Zahl von allein 45 Rittern (ohne Brüder und Hilfskräfte) muss sie recht geräumig gewesen sein. Am 18. Februar 1384 wurde sie aber ebenso wie die anderen Gebäudeteile bei dem Überfall des Osnabrücker Bischofs Dietrich von Horne zerstört. Wahrscheinlich schon seit 1300, zumindest aber seit 1313 muss noch eine andere Kapelle ausserhalb der Ordensanlage vor- handen gewesen sein. In jenem Jahr wurde nämlich in dieser Kirche ein Altar zu Ehren des Hl. Kreuzes, der Hl. Jungfrau Maria und des Hl. Johannes des Täufers geweiht. Seinen Platz in der Kapelle wird seit seiner Weihe am 29 August 1315 außerdem das Lager Kreuz gehabt haben, das somit Wallfahrern zugänglich war. Inwieweit auch die Kirche bei dem Überfall 1384 Schaden ge- nommen hat, ist unbekannt. Nicht mehr auszumachen ist auch, ob nun diese Kirche letztendlich baufällig, beschädigt oder zu klein geworden war. Auf jeden Fall wird von einer Kirchweihe am 23. Juni 1426, dem Vortag des Johannes- festes, durch den Weihbischof Antonius von Osnabrück, zugleich Titularbischof von Athyra, berichtet. Diese wiederum dem Hl. Johannes geweihte Kirche ist auf rechteckigem Grundriss in Bruchstein errichtet. Chor und Schiff unterscheiden sich nur durch das Bodenniveau. Die drei spätgotischen Kreuzrippengewölbe werden von je vier Wandkonsolen getragen, auf deren zwei mittleren jeweils ein Bündel von fünf gekehlten Rippen ruht. Unter den Konsolen verschmilzt das Rippenbündel zu einer Halbsäule, die wiederum in eine Konsole einmündet. Die mit Masswerk versehenen Fenster sind spitzbogig geschlossen und dreifach geteilt. Im Osten und Westen hatte der Raum ursprünglich einen geraden Wandabschluss, wobei die Ostwand ein großes vierteiliges Fenster aufwies. Diese Kirche von 1426 ist dann durch fast fünf Jahrhunderte baulich nahezu unverändert geblieben, auch in den Wirren der Reformationszeit. Sie bildet heute den Mittelteil der Pfarrkirche Lage-Rieste. 1659 fügte der für Lage bedeutsame Komtur Johann Jakob von Pallandt der Kirche im Westen einen gedrungenen Vorbau an (Siehe Bild unten). Außerdem ließ er an der südlichen Chorwand den sogenannten Komturstuhl anbauen, eine kleine Empore, von der aus er dem Gottesdienst beiwohnte. 1860 wurde der Komturstuhl abgebrochen, da er nicht mehr benutzt wurde. 1733 erhielt die Kirche unter dem Komtur Hermann Adolf Reichsfreiherr von Nesselrode und Reichenstein (1727-1748) die kostbare Stuckdecke von Joseph Geitner, einem engen Mitarbeiter des Barockbaumeisters Johann Conrad Schlaun. Die Stuckbildnisse befinden sich in den Gewölben des alten Kirchenschiffs sowie über der Nische der Nordwand, in der bis 1960 das Kreuz seinen Platz hatte. Weiterhin wurde in dieser Zeit der barocke Dachreiter – achtseitig, mit offener Laterne – errichtet. Im Zuge der Säkularisation 1810 ging die Kirche in den Besitz der Kirchengemeinde Lage-Rieste über, die seit 1815 als Pfarrgemeinde anerkannt wurde. Bedingt durch das Anwachsen der kath. Gemeinde wurde die Kirche in der Folgezeit noch zweimal entscheidend verändert. 1902-1904 fügte man nach den Plänen des Architekten L. Becker aus Mainz und W. Sunder-Plaßmann aus Münster im Westen das Querschiff mit der Orgelempore und dem neugotischen Turm an. 1960 – 1962 erfuhr die Pfarrkirche zu Lage eine weitere große Veränderung. An den Fundamenten, die auf Pfahlrosten ruhten, hatten sich große Schäden bemerkbar gemacht. Dies machte umfangreiche und sehr kostspieli- ge Restaurierungen erforderlich, bei denen z.B. alleine im spätgotischen Teil der Kirche 89 jeweils 11,5 m lange und 32 cm dicke Betonpfähle in den Boden getrieben wurden. Gleichzeitig wurde die Kirche unter Leitung des Architekten H. Feldwisch- Drentrup aus Osnabrück nach Osten hin um ein Joch verlängert. Dieser Anbau passt sich im Äußeren wie im Inneren weitgehend dem alten Teil an. Er ist mit gotisierenden Fenstern und Gewölben versehen.

Geschichte

Auch der gerade Chorabschluss wurde beibehalten. Eine weitere Baumaßnahme bestand in der Errichtung einer neuen doppelgeschossigen Sakristei an der Nordseite. Dazu musste allerdings ein Kirchenfenster geschlossen werden, das aber im neuen Chorraum wieder verwendet werden konnte. In der alten Sakristei wurde eine eigene Kapelle für das große Lager Kreuz geschaffen. Damit wurde das Heraus- und Hineintragen des Kreuzes wesentlich erleichtert. Schließlich sanierte man noch den alten Dachstuhl der Kirche.

Die Ausstattung

Wie eine Inschrift am Vorbau der Kirche besagte, war das Gotteshaus 1426 erbaut, 1659 erweitert und 1733 erneuert worden. Die letzte Zahl bezieht sich auf die Stuckverzierungen von Joseph Geitner. Das erste Gewölbe, das der Besucher beim Eintritt in die Kirche erblickt, zeigt außer Flächenornamenten in jedem Zipfel eine Männergestalt, die als die vier großen abendländischen Kirchenlehrer gedeutet werden: Ambrosius, Augustinus, Hieronymus und Gregorius. Im südöstlichen Zipfel wird Hieronymus gezeigt, zu seinen Füssen der Löwe; er schaut himmelwärts und hält einen Griffel in der Hand. Dieser Heilige hat die Bibel ins Lateinische übersetzt. Im südwestlichen Zipfel findet man Augustinus. Er trägt Stab und Mitra, Zeichen seiner bischöflichen Würde. Über ihm erkennt man das Dreieck mit nach unten laufenden Strahlen als Symbol für die Trinitätslehre dieses Kirchen- lehrers. Im nordöstlichen Zipfel erscheint Ambrosius von Mailand. Die vierte Gestalt in diesem Gewölbe ist Papst Gregor der Große. Ganz hinten, also an der früheren Westwand, wo bis 1830 die Orgel stand, ist König David mit der Harfe zu erkennen. Auf der Ostseite dieses Jochs strahlt das Kreuz auf. Im mittleren Gewölbe sind die vier Evangelisten dargestellt: Matthäus, Markus, Lukas und Johannes. In der Mitte des Joches erscheint als Symbol des Messopfers der Kelch mit der Hostie. Im östlichen Gewölbejoch erscheint in der Mitte die Dreifaltigkeit; rechts davon der Ordens- und Kirchenpatron, Johannes der Täufer, mit Kreuz und Lamm. Darunter das Johanniter- wappen mit Trophäen; auf der linken Seite sieht man Maria mit den Engeln über gekreuzten Trophäen. Ferner sind noch dargestellt der Hl. Josef mit dem Kind sowie Kaiser Karl V., unter einem Baldachin thronend. Im gesamten Gewölbe sind links und rechts betende Malteserritter dargestellt. An der Nord- wie an der Südwand sind noch jeweils drei eingelassene Rundsteine erkennbar, die mit einem Kreuz verziert sind. Es handelt sich um die restlichen Apostelkreuze, die Salbstellen von der Konsekration am 23. Juni 1426.

Geschichte_Hochaltar

Der Hochaltar wurde am 19. Januar 1676 durch den Titularbischof von Marokko und Apostolischen Vikar Valerius Maccioni konsekriert. Dieser Altar zeigt in seinem Aufbau zwischen gedrehten Säulenpaaren zwei übereinander angeordnete Bildertafeln: unten die große mit der Taufe Jesu durch Johannes, die obere, mit der Hl. Familie (Jesus, Maria, Josef) sowie Gottvater und dem Hl. Geist. Das Antependium stellt in fernöstlicher Art große Blumengewächse, Vögel, Schiffe, Menschen und links eine Pagode dar. In der Mitte er- scheint ein mit dem Medaillon mit dem Malteserkreuz. In dieser Malerei auf Holz von 1720, wird die weltweite Tätigkeit des Malteserordens deutlich. Im selben Zeitabschnitt und im gleichen barocken Stil wie der Hochaltar wurden auch zwei Seitenaltäre errichtet: Rechts der Katharinenaltar, der die Konpatronin der Kirche mit Kaiser Maxentius zeigt. Auf der linken Seite erhob sich früher der Johannesaltar mit einer einkomponierten barocken Kanzel.   Er wurde 1906 abgebrochen. In der Folgezeit wurden mehrfach Veränderungen an den Altären vorgenommen, bis dann bei der zwischen 1993 und 1995 durchgeführten Restaurierung der ursprüngliche Zustand wieder hergestellt wurde. Dazu waren umfangreiche Arbeiten notwendig. So mussten z.B. am nördlichen Johannesaltar wegen fehlender Teile das Gemälde und das Antependium ergänzt werden. Durch die Tiefenstaffelung der Altäre kommt der Raumeindruck wieder voll zur Geltung. Während die nun wieder parallel zum Hochaltar aufgestellten Seitenaltäre in ihrer rosa marmorierten Farbigkeit sehr viel zarter und zurückhaltender erscheinen, dominiert der durch weiße, teils marmorierte Säulen und grau marmorierte Gesimse gegliederte zweigeschossige Hauptaltar, der von kraftvoll gearbeiteten, in Rot und Gold leuchtenden Knorpelwerkornamenten eingefasst ist.

Hochaltar mit den beiden Seitenaltären
Hochaltar mit den beiden Seitenaltären
Geschichte_Orgel

Die Orgel wurde im Jahre 1880 von Rudolf Haupt (1842 -1913) in Ostercappeln unter Verwendung des Pfeifen- werks der Vorgängerorgel neu gebaut. Haupt fand vor 1880 ein Instrument mit 8 Registern und einem Manualumfang von 47 Tönen vor. Das von Haupt übernommene Pfeifenwerk weist mindestens zwei zeitliche Schichten auf. Ein Teil stammt offenbar noch aus der 1661 als neu bezeichneten Orgel. Eine zweite Schicht dürfte in die Zeit um 1720 fallen, wie der Befund nahelegt. Die Haupt-Orgel stand zunächst “oben auf dem Chore neben dem Hochaltar”. 1904 wurde sie nach Erweiterung der Kirche auf die Bühne an der Südwand im neu gebauten Querhausann umgesetzt. 1917 mussten die Prospektpfeifen für Kriegszwecke abgeliefert werden. Erst 1948 wurde eine elektrische Windmaschine installiert. Nach einer Renovierung 1981 durch die Fa. A. Führer aus Wilhelmshaven erfolgte 2001/02 eine gründliche Restaurierung und eine Umstellung der Orgel in die Mitte der Empore durch die Orgelbauwerkstatt Martin Cladders in Badbergen. Das Instrument ist original erhalten und hat eine seit 1880 unveränderte Disposition.

Die Glocken von Lage

Nach dem zweiten Weltkrieg, in dem die Lager Glocken wie viele andere für Kriegszwecke abgeliefert werden mussten, wurden die jetzigen drei Glocken der Johannes-Kirche von der Firma Junker (Brilon) gegossen. Sie tragen die Inschriften:
Johannesglocke (Totenglocke) im Ton d: “Bereitet den Weg des Herrn wie Johannes – so rufe auch ich wieder seit 1949.”
Joseph – Glocke im Ton f: “Heiliger Joseph, hör uns flehen, so will ich rufen anstelle der von B. Brandewiede 1896 gestifteten Glocke.”
Marien – (Angelus-) Glocke im Ton g:  “Ave Maria! Das künde ich für Lage, Rieste, Bieste seit 1949.”
Wenn die drei Glocken gemeinsam erklingen, ergeben sie also die kleine Melodie d – f –g: Das sind die ersten drei Töne des Hymnus “Te Deum (laudamus)”. Das Te Deum wird bei besonders festlichen Gelegenheiten angestimmt und im deutschen Lied “Großer Gott, wir loben dich” weitergeführt. Beim  “Engel des Herrn” verkünden sie morgens, mittags und abends: Gottes Sohn ist Mensch geworden und auf diese Welt gekommen. Zu diesem täglichen Glaubensbekenntnis kommt seit der Renovierung der Kirche im Jahre 2001 noch jeden Freitag nachmittag um 15.00 Uhr ein weiteres Geläut: Das Freitagsläuten erinnert an die Todesstunde Jesu. “Zur neunten Stunde” – das wäre nach unserer Uhr ungefähr 15.00 Uhr – starb Jesu am Kreuz. Schon im Jahre 1423 verfügte der Kölner Erzbischof zusammen mit den Bischöfen von Münster und Osnabrück, das jeden Freitagnachmittag zu Ehren des Leiden Christi mit der großen Glocke geläutet werden solle. Die Gläubigen sollten dabei das Vater unser und das Ave Maria beten. Papst Benedikt XIV  führte das Freitagsläuten 1740 für die ganze römisch-katholische Kirche ein. Der Brauch hat sich an vielen Orten gehalten, vor allem in Süddeutschland und Österreich.