Die Gründung der Kommende

Gegen Ende des 12. und zu Beginn des 13. Jahrhunderts erfolgten aufgrund der von Bernhard von Clairvaux und Franz von Assisi beeinflussten religiösen Bewegung und der Kreuzzugsideen vermehrt geistliche Stiftungen, die auch im Osnabrücker Nordland anzutreffen sind. So entstanden in der näheren Umgebung von Lage das Benediktinerinnenkloster Malgarten (1170) und das Zisterzienserinnenkloster Bersenbrück (1231). Auch die Kommende Lage geht auf eine solche Stiftung zurück. Graf Simon von Tecklenburg, der Vater des Stifters, hatte an dem Krezzug Kaiser Friedrich Barbarossas teilgenommen, und auch sein Sohn, Graf Otto von Tecklenburg, damals mächtigster weltlicher Herrscher in Westfalen, war erfüllt von den Gedanken der Kreuzzugsbewegung. Aus diesem Grunde übergab er am 25. Juli 1245 in einer feier- lichen Deklaration seinen Lager Besitz “dem Herrn Jesus Christus, der Jungfrau Maria, dem Heiligen Johannes dem Täufer und dem Hospital in Jerusalem”. In einer späteren Urkunde aus dem Jahre 1258 fügte er hinzu: Die Güter sollen “zur Unterhaltung der Armen über See” dienen. Zu seinem Lager Besitz, den bis dahin Ritter Hugo von Horne zum Lehen hatte, gehörte der Herrenhof mit einer Mühle und einem Garten, der Stickteich und zwei Erbhöfe in Belhem (vgl. Hof Bellmann, Bellmanns Brücke, ca. 500 m nördlich von Lage).

Der Johanniter-Orden

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Die Kommende Lage, dargestellt auf dem Epitaph des Komtur Johann Jakob von Pallandt, Ende 17. Jh.

Der Johanniterorden ist der älteste noch bestehende Ritterorden der abendländisch- christlichen Welt. Er ging aus dem Jerusalemer Hospital hervor, einer Pilgerherberge, zu der eine Johannes dem Täufer geweihte Kirche gehörte. Der Gründer des Ordens, Gerardus, bildete nach der Eroberung Jerusalems 1099 mit Zustimmung des Papstes Paschalis II eine Bruderschaft, die eine an die Gehorsams und Regel des hl. Augustinus angelehnte Ordnung annahm. Danach waren die Gelübde der Armut, Gehorsam und Keuschheit zu leisten. Von den Mitgliedern forderte die Ordensregel nicht nur die Erfüllung der drei Ordensgelübde, sondern auch den Schutz der Pilger, die Krankenpflege und den Kampf gegen die Heiden, womit die mohammedanische Welt überhaupt gemeint war. Der Orden gliederte sich in adelige Ritter, Priester und dienende Brüder. An der Spitze des Ordens stand der Großmeister. Die Tracht der Johanniter bestand aus einem schwarzen Mantel, der Kukulle, worauf sich ein weißes Balkenkreuz befand, aus dem sich später das achtspitzige Kreuz auf rotem Hintergrund, Symbol für die acht Seligkeiten, ent- wickelte. Als die Lage im syrisch- palästinensischen Raum immer schwieriger wurde, veranlasste Meister Gerhard von Amalfi die christliche Ritterschaft des Abendlandes, in ihren Heimatländern Filialhospitäler zu stiften. Ihnen sollten Sammelstellen zur Unterstützung des Jerusalemer Mutterhospitals angegliedert werden. So entstanden vielerorts die Kommenden, von Italien und Spanien bis hinauf nach Skandinavien. Im alten Bistum Osnabrück wurden die Kommenden Esterwegen (1223), Lage (1245) und Bokelesch (um 1260) gegründet. Die Bezeichnung “Kommende” wurde vom Wort “commendare” (übergeben, anver- trauen) abgeleitet. Doch trotz aller Hilfe mussten die abendländischen Christen den mohammedanischen Heeren weichen. Da am 2. Oktober 1187 Jerusalem aufge- geben werden musste, wurde der Ordenssitz der Johanniter 1191 nach Akkon verlegt. 100 Jahre später, 1291 ging mit der Aufgabe von Akkon auch der letzte abendländische Stützpunkt im Hl. Land verloren. Bis 1522 residierte der Gross- meister auf Rhodos, 1530 – 1798 besaß der Orden dann seinen Hauptsitz auf Malta (daher auch der Name “Malteserorden”. Im Zuge der Französischen Revolution und der davon ausgelösten Säkularisation verlor der Orden fast seinen gesamten Besitz. Nach dem Verlust Maltas konnte sich die Ordensleitung schließlich 1834 in Rom niederlassen, wo noch heute der Großmeister und der souveräne Rat ihren Sitz haben. Seine alten karitativen Aufgaben nimmt der Malteserorden heute wieder wahr. 1953 wurde in Deutschland der Malteserhilfsdienst gegründet. Er dient der Ausbildung in “Erster Hilfe” und der Arbeit für den Bevölkerungsschutz. 1965 folgte die Gründung der Malteser Schwesternschaft, die in der Krankenpflege arbeitet. Für mehr Informationen über Malteser – hier – klicken!

Die Geschichte der Kommende

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Johann Jakob von Pallandt

Das Ritterhaus Lage gelangte schon bald nach der Gründung 1245 durch Schenkungen, Kauf und Tausch von Gütern zu bemerkenswertem Reichtum. Das Grundvermögen der Kommende stieg innerhalb kurzer Zeit auf nicht weniger als 52 Höfe mit Leibeigenen und 69 Pachthöfe, die Abgaben, besonders von Getreide, leisteten. Die reichen Erträge der Liegenschaften dienten dazu, den Orden in weiter Ferne zu unterstützen. Dem wirtschaftlichen Aufstieg der Kommende Lage folgte im Jahre 1384 ein jäher Einbruch. Der Osnabrücker Bischof Dietrich von Horne, der die Ordensritter vergeblich zur Zahlung von Abgaben aufgefordert hatte, zerstörte bei einem Überfall das ganze Anwesen. Nach einem langen Streit bezahlte der Bischof den Schaden schliesslich, so dass der Wiederaufbau im Jahre 1426 (Kirchweih) beendet werden konnte. Trotzdem hatte die Bedeutung Lages gelitten. 1490 zählte das Kloster Lage nur noch sieben Brüder. Einst wirkten hier gleichzeitig bis zu 45 Ordensritter. Eine neue Blütezeit erlebte Lage nach dem Dreißigjährigen Krieg, in dem die Kommende geplündert und zerstört worden war. Der umsichtige Komtur Johann Jakob von Pallandt, dessen Wappen und Bild uns auf Lage mehrfach begegnet, hat der Kommende in den Jahren 1650 – 1693 ihre heute noch erkennbare Gestalt gegeben. Seit 1677 besaß Lage übrigens auf Betreiben dieses Komturs auch in Osnabrück eine Residenz, den Lager Hof (heute Hasestr. 35). 1810 wurde die Kommende säkularisiert. Die Ländereien, die 276 ha umfassten, werden seitdem von der Klosterkammer in Hannover verwaltet, eine eigens für die Verwaltung säkularisierter Güter geschaffene Institution. Die eigenbehörigen Höfe wurden nach und nach frei.

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Das Lager Tor

Das eindrucksvolle Torhaus der Kommende, vergleichbar der Klosterpforte in Bersenbrück, wurde im Jahre 1864 abgerissen. Aus dem Rest wurde das Haupttor an der Westseite errichtet. Das Gotteshaus blieb den Katholiken erhalten. Seit 1815 ist sie als Pfarrkirche der Katholiken von Rieste anerkannt; seit 1828 gehören auch Hannoversch Bieste und Klein Drehle dazu. Die Pfarrerwohnung befand sich noch bis   1964 in der Kom- mende. Doch angesichts des zunehmenden Verfalls der Gebäude wurde ein eigenes Pfarrhaus errichtet. Damit stand die Kommende nun für andere Zwecke zur Verfügung. Zeitweilig interessierten sich Malteserritter für die Anlage, um eine Schulungstätte für den Malteserhilfsdienst einzurichten. Diese Pläne zerschlugen sich aber. Im Juni 1964 kaufte dann die Fa. H. Blomeyer aus Osnabrück die Kommende In den folgenden Jahren wurden die Gebäude umgebaut und teilweise restauriert. Neben den Fassaden wurden dabei auch der große Saal und andere Räume wieder in den ursprünglichen Zustand versetzt. Während dieser Zeit wurde das “Gastliche Ritterhaus Lage” eröffnet, ein Gastronomie- und Hotelbetrieb. Im Jahre 2000 kaufte der Osnabrücker Bischof Dr. Franz Josef Bode die Kommende, um dann ein Kloster zu errichten. Er konnte die Dominikanerinnen, die bisher im Dominikanerinnenkloster “Mater Dolorosa” in Klausen an der Mosel ansässig waren, für Lage gewinnen. Nach gründlicher Renovierungsarbeit bezogen die Schwestern am 28. November 2000 den ehemaligen Rittersitz Lage. Ihr neues Zuhause trägt den Namen: ”Dominikanerinnenkloster Zum gekreuzigten Erlöser” Die offizielle Gründung und Einweihung erfolgte durch den Osnabrücker Bischof am 8. Dez. 2000.

Das Ende der Kommende

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Malteserkreuz

 

1810 – 2010  Das Ende der Kommende Lage vor 200 Jahren

Am 28. Februar 1810 kommt aus Minden der Domänendirektor Georg Alexander von Ditfurth mit der Postkutsche nach Lage. In der Tasche hat er eine schriftliche Anweisung des Königs Jerôme Bonaparte, datiert vom 16. Februar 1810. Der Bruder des Kaisers Napoleon befiehlt darin die Inbesitznahme aller Güter des Malteserordens innerhalb seines Königreichs Westphalen. Sie sollen nun dem neuen „Orden der Westphälischen Krone“ zugute kommen. Daraus werden verdiente Beamte und Offiziere des Königreichs unterstützt.

Am 26. Februar hatte sich v. Ditfurth mit der Postkutsche auf den Weg gemacht: Von Minden über Diepenau und Bohmte nach Osnabrück, dann über Bramsche nach Lage – für diese 110 Kilometer braucht er wegen der schlechten Wege über zwei Tage. Am 28. Februar 1810 nimmt v. Ditfurth die Kommende Lage für seinen König in Besitz. Am 1. März schreibt er in einem Brief an den Finanzminister in Kassel, er habe „gestern von der Maltheser- und Johanniter-Commende Lage und deren Zubehörigen für S. Majestät den König Besitz ergriffen. … Die Commende Lage ist eine der besten und einträglichsten Güter im District Osnabrück. Es gehören dazu gute Wohn- und Wirtschaftsgebäude. … Zu der Commende gehört eine Kirche, worin den katholischen Glaubensgenossen der benachbarten Bauerschaften der Gottesdienst gehalten wird. Und wird ein Pastor, Caplan und Küster auf der Commende unterhalten. Die Kirche hat einige Eigen Einnahmen. … Das Inventarium auf der Commende ist der Stückzahl nach groß, aber alt und von geringem Werthe.“ Vom Heiligen Kreuz und der Wallfahrt schreibt Herr v. Ditfurth aber nichts … Der schon von den Johannitern eingesetzte Verwalter auf Lage soll sein Amt weiterführen: Es ist Pastor Ludger Pölking (1766-1836), ein Benediktiner-Pater der Abtei Iburg, der seit dem Jahre 1800 im Amt ist. Er wird im Herbst 1810 aufgefordert, ein genaues Inventar der Möblierung der Kommende anzulegen. Kurz nach Neujahr 1811 liefert Pater Ludger diese Aufstellung ab: Neben Stühlen und Sesseln, Kochgeschirr und Bettwäsche in der Kommende sind auch alle Kelche, Geräte und Messgewänder der Lager Kirche verzeichnet. Darunter auch das schwarze Hungertuch zur Verhüllung des Hochaltars während der Fastenzeit.

Das genaue Inventar sollte wohl für einen beabsichtigten Verkauf der Kommende dienlich sein. Doch dazu kommt es nicht mehr: Die Niederlage Napoleons im winterlichen Russland ließ 1813 seinen Stern sinken – das Ende der Franzosenzeit war gekommen. Als die Hannoveraner die Macht übernehmen, wird Pastor Ludger Pölking 1813 von der „Generalinterims-Administrations-Commission der säcularisierten geistlichen Güter“ erneut als Administrator von Lage bestätigt. Im Jahre 1815 wird die ehemalige Johanniterkommende Lage mit ihren 264 ha der Klosterkammer in Hannover unterstellt. Für die zur Kommende Lage gehörenden Bauern bleibt trotz aller politischer Wirren alles beim Alten: Sie sind weiterhin abgabepflichtig, erst nach Inkrafttreten der Ablösegesetze im Jahre 1830 können sie sich freikaufen. Nach über fünf Jahrhunderten schien 1810 das Ende der Kommende Lage gekommen zu sein. Graf Otto von Tecklenburg hatte im Jahre 1245 seinen Hof auf Lage den Johannitern gestiftet, die darin eine Kommende einrichteten. Zweck der Niederlassung war damals die „Unterstützung der Armen Christi in den Ländern jenseits des Meeres“. Das bedeutete: Die Wallfahrer im Heiligen Land und die Kranken im Hospital des hl. Johannes in Jerusalem sollten durch die Einkünfte der Kommende Lage unterstützt werden.

Zweihundert Jahre Ende der Kommende – das ist kein Anlass für ein Jubiläum, aber auch kein Grund zur Trauer. Wer hätte 1810 gedacht, dass im Jahre 2000 – also 190 Jahre nach dem Ende der Präsenz der Johanniter – im alten Gemäuer ein Dominikanerinnen-Kloster eingerichtet würde? Und dass die Malteser mit dem Malteser-Hilfsdienst sich immer noch hier zu Hause fühlen?

Akten im Staatsarchiv Osnabrück:

– Rep. 230 Nr. 214: Anweisung der Regierung in Kassel zur Inventarisierung an Pastor Pölking vom 17.11.1810; Inventarien von Kommende und Kirche Lage vom 9.1.1811.

– Rep. 230 Nr. 215: Brief v. Ditfurth an Minister v. Bülow vom 1.3.1810 aus „Haus Lage im Kanton Bramsche“. – Reisekosten für die Fahrt vom 26.2. bis 6.3.1810 durch v. Ditfurth vom 22.10.1810. Es „mußten drei extra Postpferde genommen werden.“

– Rep. 556, Nr. 2392: Wiederherstellung der Verwaltung nach der französischen Zeit.