Das Heilige Kreuz

Was dem Wallfahrtsort Lage seinen besonderen Charakter gibt, ist das Heilige Kreuz. Seit den Tagen des Mittelalters strömen Pilger aus der näheren und weiteren Umgebung nach Lage, um das Kreuz zu tragen. Mit Gebet und Gesang bitten sie in ihren Anliegen, sei es für einen Schwerkranken aus der Nachbarschaft oder Verwandtschaft, sei es für geistliche Berufe oder auch um den Segen für die Saaten auf den Feldern.
Die Legende von der Entstehung des Lager Kreuzes.
Die Verehrung des Kreuzes Christi war seit jeher ein besonderes Anliegen der Johanniter. So ist die Entstehung des Kreuzes von Lage eng mit diesem Orden verknüpft. Über sie fertigte der Prior von Lage, Heinrich Wormsberg, im Jahre 1490 einen umfangreichen lateinischen Bericht an, dessen Abschrift im 18. Jahrhundert notariell beglaubigt wurde. Dieser Text enthält auch die Legende von der Entstehung des Lager Kreuzes: Im Jahre 1300 hatten zwei Mitglieder des Lager Johanniterkonvents, nämlich der Priester Johannes und der Ritter Rudolf, am Kreuzberg im Wittenfelde eine Erscheinung: Bei hellem Sonnenlicht erblickten sie in der Luft ein Kreuz mit dem Bild des Erlösers, glänzender als die Sonne, und hörten eine Stimme, welche sprach: ”Bruder Johannes, es ist der Wille des allmächtigen Gottes, dass du machest mit deinen eigenen Händen ein Kreuz mit dem Bilde unseres Herrn Jesus Christi, gleich jenem, welches ihr hier in der Luft sehet. Dieses Kreuz soll in der Kirche des Johanniterordens auf Lage aufgestellt werden, und alle, welche sich in Bedrängnis befinden, sollen hier Gnade finden. Du aber, wenn du dieses Kreuz bis auf den linken Arm vollendet hast, wirst glücklich sterben. Dein Mitbruder Rudolf soll alsdann das Bild vollenden. Hat er dann den noch fehlenden linken Arm hergestellt, wird auch er sterben und selig werden.” Zwar unkundig jeglicher Bildhauerkunst, doch vertrauend auf Gott gingen sie ans Werk. Einen passenden Baum fanden sie in der Gemarkung ”to ryst” (Rieste), auf der Grenze der Höfe von Hundewinkel und Sube. Es war ein Baum mit roten Blättern, von einer Art, wie sie in der ganzen Gegend kein zweites Mal wuchs; keine Eiche, keine Buche, keine Erle. Hundewinkel gab seine Zustimmung zum Fällen des Baumes, innerlich erwartend, dass Sube den Ordensbrüdern die Erlaubnis versagen würde. Dieser jedoch willigte, wenn auch nur halbherzig, ein. Als nun der Baum gefällt war, spannte man 4 Pferde vor, doch sie brachten das Holz nicht von der Stelle. Selbst 16 Pferde vermochten den Stamm nicht zu bewegen. Dabei hätten normalerweise sechs Pferde gewiss den Wagen ziehen können – wenn nicht Gottes Wille dagegen gewesen wäre. Da spannte Hundewinkel, der vorher hierin seine Mitwirkung versagt hatte, seine eigenen vier Pferde vor. Und ohne Zögern und ohne irgendwelche Mühen gelangte der Wagen mit dem Stamm nach Lage. Alle Pforten und Wege- schranken, sogar die Tore der Festung Lage öffneten sich von selbst, ohne Hilfe von Menschenhänden. Der Priester Johannes schritt nun an die Arbeit, und es ging ihm von der Hand, als habe er alle Tage Bilder geschnitzt. Nachdem er das Kreuz bis auf den linken Arm vollendet hatte, starb er eines guten Todes, wie ihm vorhergesagt. Ritter Rudolf vollendete das Bild und folgte dann seinem Mitbruder in den Tod. Das Kreuz aber wurde in der Kirche zu Lage feierlich aufgestellt.
Ein Astkreuz aus dem 14. Jahrhundert.
Was die Legende erzählt, wird durch Untersuchungen bestätigt: Der linke Arm wurde tatsächlich von anderer Hand geschaffen als der übrige Korpus. Die Weihe des Kreuzes ist geschichtlich bezeugt und erfolgte am 29. August, am Fest der Enthauptung Johannes des Täufers, wahrscheinlich 1315 und zwar durch den Fürstbischof von Osnabrück, Engelbert II., Edelherrn von Weihe. Das Kreuz zu Lage, ein sogenanntes Astkreuz, besteht aus zwei achtkantig behauenen und rechtwinklig aneinandergefügten schweren Balken, die in regelmässigen Abständen Eicheln aufweisen. Es ist 355 cm hoch und 155 cm breit. Der Erlöser hängt tief an den Armen durch, das Haupt ist leicht zur Seite geneigt, die Beine sind etwas angezogen und die Füße übereinandergelegt.
Reliquien.
Im Haupt des Gekreuzigten sind Steinchen und Erinnerungsstücke aus dem Heiligen Land eingelassen. Sie sind eingewickelt und mit alten Zetteln beschriftet: ”vom Kreuze Christi, vom Kalvarienberg, vom Berge Sinai, vom Grabe Christi, vom weißen Gewand Christi, von der Krippe des Herrn”. Ferner sind Reliquien eingelassen, die an die Apostel Andreas (30.11.) und Bartholomäus (24.08.) erinnern, des weiteren an die Märtyrer Georg (23.04.), Petronilla (31.05.), Regina (07.09.), Barbara (04.12.), Sebastian (20.01.), Margarita (20.07.), Erzbischof Thomas Becket von Canterbury (29.12.) und Cordula (22.10.). Bei der Restaurierung 1987 wurden Erinnerungsstücke von der seligen Schwester Maria Euthymia (9.9.) sowie Pater Joseph Kentenich, dem Gründer des Schönstatt-Werkes, hinzugefügt. Der Korpus ist gegen Beschädigungen durch Bretterwannen geschützt, an denen sich Handgriffe befinden. Beim Tragen des Kreuzes legen sich abwechselnd je drei Personen das Kreuz waagerecht auf die Schultern.